Mein Heimatort Peißenberg ist durch den Bergbau erst zu dem geworden, was er heute ist. Die Kohle liegt seit Jahrmillionen im Berg, und ihre Entdeckung ist auch schon lange her: Der Legende nach entfachte ein Bauernjunge im 16. Jahrhundert beim Viehhüten ein Feuer und musste verblüfft feststellen, dass der Boden dabei in Brand geriet.
Bald begann man, die schwarze Erde abzutragen. Was zuerst mühsame Handarbeit in Stollen und Schächten war, wurde ab dem 19. Jahrhundert ein industrieller Großbetrieb: Tiefstollen, Kohlenwäsche, über 100 Kilometer Strecken unter Tage. Aus dem Bauerndorf wurde eine wachsende Marktgemeinde, die moderner und durch den Zuzug neuer Arbeitskräfte aus anderen Regionen vielleicht auch weltoffener war als ihr tiefbayerisches Umland.
Der Bergbau wurde 1971 eingestellt, Jahre bevor ich geboren wurde. Und doch ist die Kohle auch heute noch allgegenwärtig: Im Bergbaumuseum am Tiefstollen, in den schwarzen Kitteln der Knappen bei Festen, in den Loren, die den Kreisverkehr am Ortseingang schmücken. Und für alle, die Bescheid wissen, zeigt sich die Bergbaugeschichte auch in der Landschaft: Die Berghalden, die durch den Abraum der Förderung gewachsen sind, sind heute grüne Naherholungsgebiete. Was wie unberührte Natur wirkt, ist von Menschenhand geschaffene Topografie.
Auch die Weltoffenheit gibt es in Peißenberg immer noch. Seit 1986 pflegt der Markt eine Partnerschaft mit Saint-Brevin-les-Pins, einer französischen Gemeinde an der Loire-Mündung am Atlantik. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums gab es 2026 nicht nur einen Festbesuch aus Peißenberg, sondern auch eine gemeinsame Kunstaktion von Künstlerinnen und Künstlern aus beiden Orten, die wir seit Beginn des Jahres vorbereitet haben.
In der Diskussion über den Titel der Gemeinschaftsausstellung landeten wir zwischendurch bei „Homme et Terroir“ – Mensch und Landschaft. Später wurde die Idee wieder verworfen. Aber mich ließ sie nicht los: Terroir – das ist bei uns doch die Kohle. Was macht also eine Fotografin aus Peißenberg mit einem Faible für obskure Prozesse und besondere Materialien? Mit Pechkohle fotografieren!

Licht und Pech
Es kam noch etwas dazu. 2026 jährt sich die Erfindung der Fotografie zum 200. Mal – zumindest feiert Frankreich das so. Die berühmte erste Heliografie von Nicéphore Niépce, der Blick aus dem Fenster von Le Gras, entstand vermutlich erst 1827; so genau wissen es die Forscher nicht. Sicher ist, dass Niépce das Bild auf einer mit Naturasphalt beschichteten Metallplatte festgehalten hat. Und dieser Asphalt, auch Bitumen genannt, ist natürlicherweise lichtempfindlich: Wo Licht hinkommt, härtet er aus, wo kein Licht hinkommt, lässt er sich auswaschen.
Das hat mein Interesse geweckt. Wenn Asphalt so auf Licht reagiert – könnte dann Pechkohle das auch? Ich habe lange mit dem Material herumprobiert. Das Ergebnis war ernüchternd: Von sich aus lässt sich die Kohle nicht für ein fotografisches Verfahren nutzen. Aber die Idee, Peißenberger Motive in Peißenberger Material festzuhalten, war zu verlockend, um sie liegen zu lassen. Also habe ich eine andere historische Technik angepasst: den Gummidruck.
Im 19. Jahrhundert war dieses Verfahren wegen seiner malerischen Qualität hochgeschätzt – und wurde mit Chemikalien umgesetzt, die man heute, weil krebserregend, nicht mehr bekommt. Statt des klassischen Bichromats habe ich also mit Diazo aus dem Siebdruck experimentiert und damit einer Gummiarabikum-Mischung eine gewisse Lichtempfindlichkeit verliehen. In diese Lösung kommen Pigmente aus Peißenberger Pechkohle als Farbe: Wo das Gummi durch UV-Licht vernetzt, hält die Matrix die Kohlepigmente fest; wo kein Licht hinkam, wäscht sich die Schicht wieder aus. Mit Kontaktkopien lassen sich so fotografische Motive aufs Papier bringen.
Vom Mörser zur Farbmühle
Für die ersten Versuche habe ich die Kohle mühsam (und nicht sehr fein) im Mörser vermahlen. Irgendwann war klar, dass ich für eine Serie eine gleichmäßige, wirklich feine Pigmentierung brauche. Also habe ich mich an die Experten gewandt: Kremer Pigmente in Aichstetten ist die Anlaufstelle für Künstler und Restauratoren. Dort werden Pigmente nach teils mittelalterlichen Rezepturen in Handarbeit hergestellt, und die Mühle scheut sich nicht, für Kleinmengen auch neue Materialien auszuprobieren. Ich habe nach einem erfolgreichen ersten Test einen großen Schwung Kohle dort mahlen lassen. Ich mag diesen Gedanken: Wie Peißenberg sein Kohleerbe bewahrt, bewahrt Aichstetten das Wissen um fast vergessene Pigmentherstellung.
Die Motive: Industrie, Natur, und was dazwischen wächst
Was fotografiert man mit dem Erbe des Bergbaus? Ich habe mich für drei Stränge entschieden, die sich im Lauf der Arbeit immer mehr verzahnt haben.
Da sind zum einen die Industriemotive: allen voran das Fernwärmekraftwerk, das als Nachfolger des früheren Kohlekraftwerks heute noch Wärme ins Netz speist. Die Schornsteine, Türme und Rohre sind fast schon ein Klischee, das für Industrie und Kohleabbau steht. Peißenberg hat diesen Industriecharme nie ganz abgestreift, und im Gummidruck mit Kohlepigment bekommt er eine Textur, die mich an alte Postkarten erinnert – nur dass hier das Bild selbst aus dem Material besteht, das diese Architektur erst verursacht hat.

Zum zweiten die scheinbar unberührte Natur: Wald, Wiesen und der Kohleweiher auf der Berghalde. Das ist die Landschaft, die ich vorher nie als Bergbaulandschaft gelesen hatte. Erst als ich anfing, mich mit den Halden zu beschäftigen, habe ich verstanden, dass dieser Wald auf Abraum wächst – dass hier die Industrie nicht verschwunden ist, sondern sich nur grün angezogen hat.

Und daraus wurde der dritte Teil der Serie, der mir im Lauf der Arbeit am wichtigsten wurde: Photogramme von Berghalden-Pflanzen. Ich lege Pflanzen, die auf dem Abraum der Kohle wachsen – Farne, Gräser, Blüten – direkt auf die beschichtete Papierfläche und belichte sie im Kontakt. Die Pflanze selbst bleibt nicht erhalten, nur ihr Schatten, ihr Umriss, festgehalten in Kohlepigmenten. Das Verfahren ist naheliegend und, wenn man so will, ehrlich: Hier wächst etwas auf dem Erbe der Industrie, und genau dieses Wachstum wird mit dem Erbe selbst abgebildet. Terroir im Wortsinn.

Die Umsetzung
Vom ersten Mörser-Häufchen bis zum belichtungsfähigen Gummidruck war es ein langer Weg mit vielen gescheiterten Chargen. Zu viel Pigment, und die Schicht wird undurchlässig; zu wenig, und das Bild versinkt im Papier. Diazo ist kein Bichromat, es verzeiht keine Nachlässigkeit: Die Belichtungszeiten mussten für jedes Negativ und jede Papierbeschichtung neu austariert werden.
Bei der Papierbeschichtung habe ich verschiedenste Ansätze ausprobiert: unterschiedlich viskose Gummimischungen mit unterschiedlich viel Pigment. Auftrag mit dem Pinsel, mit dem Schwamm und mit der Farbrolle. Glattziehen mit dem Spatel, mehrschichtiger Auftrag… Die besten Ergebnisse habe ich am Schluss durch eine kombinierte Technik bekommen: Auftrag mit der Farbrolle mit anschließendem Drüberwischen mit dem Schwamm. Ich mag auch die handgemachten, unregelmäßigen Bildkanten, die dadurch entstehen.
Das Auswaschen ist eine Gratwanderung: Der Unterschied in der Vernetzung der Schicht ist nicht groß – das heißt, die belichteten Stellen sind nicht völlig wasserfest, und die unbelichteten nicht besonders einfach löslich. Mit einem kräftigen Wasserstrahl löst sich alles. Mit reinem Einweichen bleibt das Blatt schwarz. Ich habe tagelang Kohlespuren in meiner Badewanne gehabt, bis ich die richtige Auswaschtechnik gefunden hatte.
Die Ausstellung in Saint-Brevin
Im Juni 2026 wurden die Arbeiten im Rahmen des 40-jährigen Partnerschaftsjubiläums gezeigt. Während die Maler:innen und Bildhauer:innen eine Galerie direkt im Stadtzentrum von Saint-Brevin bespielten, habe ich zusammen mit den örtlichen Fotografen in der wunderschönen Ausflugslocation „Quai Vert“ am Canal de La Martinière ausgestellt. Bei der Eröffnung sind die Besucher zunächst an der Technik hängen geblieben. Ich habe oft gehört, dass die Bilder aussehen, wie Bilder von „damals“. Da schwingt wohl immer noch die Ästhetik des 19. Jahrhunderts mit. Wenn ich aber dann erklärt habe, dass es nicht nur eine alte Technik ist, sondern die Bilder in ein noch viel älteres Material eingebettet sind, wich das Staunen fast schon einer Art Ehrfurcht – zumindest kam es bei mir so an.

Was die Serie für mich bedeutet
Als ich angefangen habe, dachte ich, ich mache ein Projekt über Bergbaugeschichte. Was dabei herausgekommen ist, ist eher ein Projekt über Erinnern. Die Kohle ist in Peißenberg seit über 50 Jahren aus dem Alltag verschwunden – gefördert, verstromt, verheizt. Es war sogar überraschend schwierig, genug Kohle zusammenzubekommen, damit es sich überhaupt lohnt, sie zu Pigment mahlen zu lassen. Selbst das Museum rationiert die noch vorhandenen Kohlestückchen, damit auch in Zukunft jedes Besucherkind einen kleinen Brocken mit nach Hause nehmen kann. Ich habe über einen Aufruf auf Facebook noch Restbestände von privat bekommen.
Was bleibt, ist eine Landschaft, die auf unsichtbarer Geschichte wächst, und eine Gemeinde, in der Menschen eine Erinnerung pflegen, die sie selbst nicht mehr erlebt hat.
Die Serie „Peißenberg und die Kohle“ ist mein Beitrag zu dieser Erinnerungskultur. Man muss die Kohle überhaupt nicht verklären, man muss sie nur ins Licht halten. Dann zeigt sie, woraus Peißenberg gemacht ist.
