Rekordprojekt: der höchste Lochkameraturm der Welt!

Manchmal ist die Lösung für ein kleines Problem die Keimzelle von etwas ganz Großem: In diesem Fall war die Herausforderung, eine geöffnete Konservendose lichtdicht zu verschließen. Die einfachste Lösung: noch eine Konservendose draufstellen, und mit schwarzem Tape befestigen… warum wir das überhaupt machen wollten, und wie daraus jetzt ein Weltrekord wurde – dafür muss ich etwas weiter ausholen:

Konservendosenkameras

Ich biete im offenen Ganztag der Montessorischule einen Kurs an, der „Lichtmalerei“ heißt. Wir starten immer mit Cyanotypie, weil es einfach ein tolles Verfahren ist: ungiftig, gut vorzubereiten, Belichtung in der Sonne, auswaschen unter Wasser und wunderschöne blau-weiße Kunstwerke.

Das macht lange Spaß, aber füllt kein ganzes Schuljahr. Deswegen machen wir alle möglichen Projekte: Wir bauen Lichtkisten, experimentieren mit Pflanzenfarben und Chloropyll-Prints und mit analogem Fotomaterial. Im Februar habe ich angefangen, mit den Schüler:innen Lochkameras zu basteln, um Solargrafien* aufzunehmen.

Im Prinzip ist das ganz banal: man braucht einen völlig lichtdichten Behälter, ein Blatt Fotopapier und ein kleines Loch. Konservendosen sind eine super Grundlage, weil das Metall verlässlich lichtdicht ist. Ein Loch ist mit einem Nagel leicht reingeschlagen, und darüber wird dann die echte Lochblende geklebt: eine Alufolie mit einem winzigen Nadelloch. Nur das Abkleben der oberen Öffnung hat total genervt… denn die Plastikdeckel, die gut passen würden sind transparent. Also haben wir mit schwarzer Folie und viel Tape gearbeitet.

* Eine Solargrafie ist eine wochen- bis monatelange Langzeitbelichtung auf Fotopapier, die dann ohne Entwicklung ein Bild erzeugt. Der Name kommt daher, dass vor allem die Sonnenbahnen gut sichtbar sind. Dieses Beispiel ist 4 Wochen lang belichtet. Weil die Sonne jeden Tag ein bisschen höher steht, fächert sich der Bogen auf.

Zusammen geht es besser

Was gibt es also, was lichtdicht ist, und genau auf die Öffnung einer Konservendose passt? Ganz einfach, eine weitere Konservendose. Wenn man also die Kamera fertig baut, Fotopapier einlegt, und dann eine weitere Dose draufstellt und festklebt, dann ist die untere Dose lichtdicht verschlossen. Und wenn die obere Dose auch eine Kamera ist, dann müssen wir die eben mit einer dritten Dose lichtdicht machen, die dann auch wieder eine Kamera ist… und so wurde aus der Dosenkamera der Dosenkameraturm. Und weil meine Schüler:innen sehr begeisterungsfähig sind, kam auch ganz schnell die Frage auf, wie hoch wir den denn machen könnten, und wie wir damit ins Guinessbuch der Rekorde kommen 😉

Bevor wir den Weltrekord angehen würden, sollte aber erstmal ein Testlauf gestartet werden. Unser Prototyp war schon 1,4m hoch und sollte zeigen, ob die Idee funktioniert.

Wir haben den Turm in der Schule schon mit Fotopapier bestückt, und ich habe ihn dann in meinem Garten mit Blick Richtung Süden installiert. Der Materialeinsatz ist sehr überschaubar. Bis auf das Tape ist alles Upcycling.

Wohin mit unserem Weltrekord?

Während unser Testturm belichtete, waren wir damit beschäftigt, uns einen geeigneten Standort zu überlegen. Unser Ziel war ein (mindestens) 5 Meter hoher Turm. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber wenn ich versuche, mir 5 m Höhe vorzustellen, dann stelle ich mir den Sprungturm im Freibad vor. Machen alle so, oder?

Das Peißenberger Freibad, die Rigi Rutschn, ist nur einen Katzensprung von der Schule entfernt, und ist eine feste Institution im Landkreis. Daher haben wir beschlossen dort anzufragen, ob wir unseren Rekordturm dort aufstellen dürfen. Und weil die Idee ein bisschen erklärungsbedürftig ist, haben wir gemeinsam eine Projektpräsentation ausgearbeitet:

Abwarten und Kameras basteln

Die Probebelichtung lief, die Anfrage an den Wunschstandort war gestellt, also hieß es jetzt: Massenproduktion! Gut, dass ich drei hungrige Katzen habe – so konnte ich jede Woche einen neuen Dosennachschub liefern, der schnell verbaut wurde.

Inzwischen war auch die erste Testbelichtung fertig. Beim Abmontieren des Turms hörte ich allerdings schon ein verdächtiges Gluckern. Die Belichtung lief durch Sonne, Schnee und Regen, und anscheinend hatte irgenwie Wasser seinen Weg in die Dosen gefunden. Tatsächlich: beim gemeinsamen Öffnen der Dosen fanden wir in fast allen stehendes Wasser. Wo das Fotopapier nass geworden war, hatte das Wasser dunkelbraune Spuren hinterlassen.

Breite braune Streifen zeugen vom Wasser, und bei manchen Bildern sieht man sogar, wo sich Teile der Sonnenbahn in der Wasseroberfläche gespiegelt haben müssen. Die Wasserspuren sind oben im Bild, weil es in der Dose auf dem Kopf projiziert wird.

Vorbereitung für den Rekord

Das Wasserproblem lässt sich einfach lösen: wir bauen den Turm so auf, dass der Boden der Dosen oben ist. Selbst wenn die Verklebung nicht wasserdicht ist, kann es dann nicht in die Dose laufen.

In der Zwischenzeit überlegen wir, wie wir es in einem kurzen Nachmittag schaffen würden, den riesigen Turm aufzustellen. Die Lösung: wir bereiten Teilstücke aus je 10 Dosen vor, die schon in der Schule mit Fotopapier bestückt und zusammengeklebt werden. Dann müssen wir vor Ort nur noch die Teile zusammenfügen und den hohen Turm befestigen.

Wir haben unser Ziel von 50 Dosen deutlich übertroffen, so dass wir 6 Teilstücke bauen konnten, die jeweils 1,05 m hoch waren.

Inzwischen war auch die Rigirutsch an Bord. Der Sprungturm ist zwar während der Vorbereitung für die nächste Saison von einem Baugerüst umgeben, aber die Treppe zur neuen Rutsche eignet sich hervorragend, um unseren Turm zu befestigen.

Im Schneesturm ins Freibad

Bei all der Vorbereitung hatten wir vergessen, gutes Wetter für den großen Tag zu bestellen. Und so spazierten wir im Schneesturm ins Freibad. Mit dabei: ein schwarzer Sack mit unseren über 6 Metern Turmmaterial, viele Kabelbinder, Gewebeklebeband und Rekordstimmung.

Während des Aufbaus gab es erfreulicherweise eine kleine Schneepause, so das wir den Zusammenbau und die Befestigung an der Treppe halbwegs trocken über die Bühne gebracht haben. Ein besonderes Highlight war, dass sogar die Lokalpresse gekommen war. Wir alle haben uns wahnsinnig gefreut, als ein paar Tage später der ausführliche Artikel über unser Projekt im Weilheimer Tagblatt erschien!

6,30 m Lochkameraturm! So sah er nach Fertigstellung aus. Die Kameras „schauen“ in unterschiedliche Richungen, so dass wir Ende April 60 verschiedene Blicke auf die Rigirutschn bekommen werden.

Rekord!

Damit steht jetzt (zumindest vorübergehend) ein Weltrekord in Peißenberg. Niemand hat bisher einen höheren Lochkameraturm gebaut (vor allem, weil nach meinen Recherchen überhaupt noch nie jemand auf die Idee gekommen ist, einen Lochkameraturm zu bauen). Ich bin gespannt, ob sich das in den nächsten Jahren ändern wird – wenn ja sind wir bereit, noch einen drauf zu setzen 😉

… und wie es weitergeht

Wir bauen Ende April den Turm wieder ab. Dann lief die Belichtung 5 Wochen, wir erwarten also spannende Sonnebahnen und auch genug Zeichnung im Vordergrund, um zu erkennen, wo die Bilder entstanden sind.
Solargrafien sind nicht entwicklet und fixiert, d.h. sie bleiben lichtempfindlich. Ich werde die Ergebnisse einscannen (und eine Auswahl hier zeigen). Eventuell fixieren wir die Werke – das ändert allerdings das Erscheinungsbild, und nimmt oft nochmal Kontrast und Details weg.
Zum Abend der Poesie zeigen wir die Ergebnisse in der Montessorischule – wahrscheinlich Ausdrucke der digitalisierten Werke. Das hat auch den Vorteil, dass wir das Papiernegativ in ein Positivbild verwandeln können.

Dieses Positiv von unserer Testbelichtung scheint fast wie ein Farbfoto – unsere Belichtungen sind aber auf schwarz-weiß Papier. Der Braunton, den das Papier annimmt, ist nur zufällig so ähnlich wie intvertiertes Himmelsblau.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen