Wie macht man mit einer analogen Kamera ohne Selbstauslöser Selbstportraits? Ich habe zuletzt im Studium ernsthaft Selbstportraits gemacht – in den letzten Jahren eher „Selfies“ und das ist einfach was anderes. Aber jetzt haben wir in unserer Fotogruppe Selbstportrait als Monatsthema gewählt, und ich will natürlich analog arbeiten. Also stelle ich mir diese Frage.
Spiegelbild
Der Klassiker ist: Selbstportrait im Spiegel. Ich würde behaupten, seit es Fotografen gibt, haben sie sich im Spiegel abgelichtet. Das beste daran: So ist auch die Kamera im Bild.
In unserem Familienarchiv gibt es eine solche Aufnahme von meinem Urgroßvater aus den 1930er Jahren. Seine 6×9 Balgenkamera steht auf dem Stativ, und er löst mit einem Drahtauslöser aus. Das Negativ war damals eine Glasplatte. In den späten 50ern kaufte sein Sohn, also mein Großvater, einem Arbeitskollegen eine Exa von Ihagee Dresden ab. Mit dieser Kamera wurde unter anderem die Kindheit meiner Mutter dokumentiert, und heute fotografiere ich mit ihr. Diese komplette Serie ist mit der Exa entstanden, was sie für mich nochmal persönlicher macht.

Offenblitz
Die Alternative zum Selbstauslöser ist: Verschluss öffnen, Position einnehmen, Verschluss wieder schließen. Das dauert natürlich ein paar Sekunden, deswegen macht man es im (Halb-)Dunklen. Und die eigentliche Aufnahme wird mit einem externen Blitz belichtet. Daher der Name Offenblitz: Der Verschluss ist offen, und dann wird geblitzt.
Theoretisch eigent sich diese Technik für „ganz normale“ Portraits, aber sie eröffnet natürlich auch ganz andere Möglichkeiten: mehrfaches Blitzen auf einer Aufnahme erzeugt überlagernde Geisterbilder, oder erlaubt es mir, an mehreren Positionen gleichzeitig zu sein:




Moment und Dauer
Bei dem schwachen Licht werden eigentlich nur die Blitzmomente festgehalten. Was aber, wenn ich einfach so lange belichte, dass auch die Dämmerung sichtbar wird?
Auf alle Fälle einen Versuch wert, aber was mache ich in den 5-10 Minuten, die ich dann im Halbdunkel belichte? Stillsitzen? Ist nicht meine Stärke… Also hab ich einmal Blitz plus 5 min Katze streicheln, und einmal Blitz plus eine Suppe aufessen. Die Bilder habe also die Ausgangssituation festgehalten, und der Prozess ist „drübergelegt“.


Mein absolutes Lieblingsexperiment war aber dieses: Ich habe die Kamera in meinem dunklen Schlafzimmer aufgestellt, den Verschluss geöffnet, einmal geblitzt und dann geschlafen.
Über Nacht ist wahrscheinlich nicht viel dazu gekommen (etwas Straßenlampenlicht durch die Fensterläden), und am Morgen dann zunehmend sehr gedämpftes Tageslicht.
Ich hatte keine Ahnung, zu welcher Lichtmenge sich das addieren würde, und hab von „nur der Blitz ist sichtbar“ bis „völlig überbelichtet“ alles erwartet. Aber das Bild ist überraschend ausgewogen belichtet. Klare Konturen und weiche Träume. Ich nenne es „Ein Blitz und eine Nacht“

PS: Ich habe drei Katzen, und alle drei haben es (relativ ungeplant) in die Serie geschaft… ein Zeichen, dass meine Identität doch in Richtung „Crazy Cat Lady“ abdriftet?
