Wer Cyanotypie kennt, hat wahrscheinlich eine ziemlich sommerliche Vorstellung davon. Oft sind es ja blühende Blumen, die an heißen Sommertagen ihre Schatten aufs Papier bringen, und dann im erfrischend kühlen Berliner Blau festgehalten werden. Und ich muss zugeben, ich habe auch lange nur bei „gutem Wetter“ an Cyanotypien gedacht.

Ein Sommer-Lieblingsmotiv: Blühender Frauenmantel. Die zarten Strukturen eigenen sich perfekt für Cyanotypien. (Diese hier ist auf Stoff)
Winterformen
Im Winter kommt die Natur weniger bunt daher. Gedämpfter, brauner, manchmal auch ein bisschen traurig. Aber bei der Cyanotypie kommte es ja auf Farbe überhaupt nicht an. Wenn man sich ein bisschen mit Cyanotypie beschäftigt, fängt man an, unterwegs vor allem spannende Formen wahrzunehmen (zumindest ist das seit Jahren meine „Berufskrankheit“). Und von diesen Formen bietet der Winter wirklich reichlich. Es steckt eine ganz besondere Poesie in den abgeblühten Samenständen, die geduldig bis zum Frühling ausharren. Viele Pflanzen zeigen im Winter ihre „fluffige“ oder ihre durchscheinende Seite, und die Strukturen, die im Sommer unter der Fülle verborgen bleiben.


Waldrebe (oder Clematis) hat im Winter wunderbare Samenfäden, die toll auf Cyanotypien wirken. Hortensienblüten trocknen im ganzen und haben durchscheinende Blütenblätter. Die verblühte Goldrute ist in der Form noch genauso elegant wie in ihrer vollen Blüte.

Verblühte Goldrute, Belichtung im Dezember ca. 1 Stunde über Mittag, teilweise direkte Sonne
Stillhalten
Weil die Sonne im Winter deutlich weniger stark ist, müssen Cyanotypien oft länger belichtet werden.
Damit während dieser Zeit nichts verrutscht, packe ich solche „Strukturstudien“ am liebsten in Bilderrahmen.
So bleibt alles gut beieinander – und wenn die Sonne sehr schräg steht, kann ich den Bilderrahmen sogar aufstellen, sodass das Licht möglichst direkt aufs Papier trifft.


Wenn ich mit Bilderrahmen arbeite, ordne ich die Pflanzen direkt auf dem Glas an. Danach lege ich Papier und Rückwand ein.
Dieser Bilderrahmen im Format 10 × 15 cm hat einen kleinen Ausklappständer, sodass sich das Bild während der langen Winterbelichtung gut zum Licht ausrichten lässt.
Weich werden
Viele der schönsten Strukturen im Winter sind fragil und spröde. Wenn man versucht, sie flach zu drücken, können die vor allem trockene Pflanzenteile brechen und bröseln. Deswegen überbrühe ich gelegentlich meine Schätze, bevor sie aufs Papier kommen.
Gerade habe ich das wieder mit Hortensienblüten ausprobiert. Die brechen zwar nicht unbedingt, sind aber oft so verformt oder eingerollt, dass ich sie schwer flach aufs Bild bekomme, und auch keine gezielte Komposition damit machen kann. Mit etwas heißem Wasser übergossen blühen sie nochmal so richtig auf (und ich bilde mir ein, dass sie auch etwas transparenter werden… aber ich hab noch keinen direkten Vergleich angestellt).
Die nassen Blüten lassen sich dann ganz einfach auf der Glasscheibe anordnen. Wer jetzt noch aureichend Geduld hat, lässt die bei Zimmertemperatur sanft und völlig flach trocknen. Ich hab meine Glasscheibe auf den Ofen gelegt, was natürlich schneller geht, aber auch dazu führt, dass sie sich wieder etwas aufwölben. Aber mit Papier und Rückwand im Rahmen liegen sie trotzdem gut am Papier an.
Und auch bei der Belichtung ist wieder Geduld gefragt. Die unbedeckten Bereiche reagieren relativ schnell, aber die Struktur der Blütenblütter braucht ewig um abgebildet zu werden. Die transparenten Teile der Blüte lassen wohl wenig UV-Licht durch. Ich war sicher, dass eine Stunde ausreichen sollte, zumal es wirklich sonnig war. Und das latente Bild hat auch super ausgeschaut, aber nach dem Auswaschen war auch ein Teil des Zaubers verflogen.






trocken – überbrüht – nass auf Glas – im Rahmen – nach der Belichtung – nach dem Auswaschen
Schattenspiel
An sonnigen Wintertagen zaubert die tiefstehende Sonne dramatische Schattenwürfe. Und wer solche Schattenspiele aus dem Sommer kennt, freut sich auf einfach umzusetzende, spannende Kompositionen. So ging es mir auch, weil ich nicht über die komplexen Lichtverhältnisse nachgedacht habe. Ich bin nicht 100% sicher, dass meine Theorie stimmt, aber sie erklärt ganz gut, was ich in meinen Versuchen gesehen habe:
Bei Schattenwurf-Cyanotypien wird ein Teil des Papiers von der Sonne belichtet, und der Teil, der im Schatten liegt, bekommt indirektes Licht „vom blauen Himmel“. Im Sommer entstehen so sehr schnell richtig starke Bilder, weil die direkte Sonne in wenigen Minuten die volle Reaktion im Papier erzeugen kann. In der Zeit passiert in den Schatten garnichts.
Im Winter liefert die schräg stehende Sonne wenig UV-Licht, deswegen muss so lange belichtet werden. Das Streulicht vom Himmel ist dagegen nicht (oder zumindest nicht wesentlich) schwächer als in den Sommermonaten. Das heißt, dass der Belichtungsunterschied deutlich geringer ist.
„Erlenzapfen“, die verholzten Fruchtstände der Erle sind besonders schöne Schattenwerfer. Mein erster Versuch war deutlich zu lange belichtet und wurde bis auf die Auflageflächen komplett blau. Die zweite Belichtung habe ich deshalb eng kontrolliert. Wenn man kurz das ganze Blatt abschattet, sieht man den Unterschied zwischen Sonnen- und Schattenflächen. Beim Wässern hat das Bild ganz vielversprechend ausgeschaut, aber es hat sich komplett ausgewaschen 🫢.



Die langen Schatten sind besonders schön. Der Kontrollblick verrät aber schon, dass der Unterschied zwischen Sonnen- und Schattenbereichen nicht besonders groß ist. Dieses Motiv hätte noch ein paar Minuten länger liegen müssen, denn das latente Bild hat sich letztendlich komplett ausgewaschen.
Ich wollte anschließend noch einen weiteren Versuch starten: ein Schattenbild, das von oben gegen Streulicht abgeschirmt ist – zum Beispiel in meiner Laube, wo das schräge Sonnenlicht einfällt, aber ein dunkles Holzdach das Himmelslicht blockiert. Oder indem ich das Papier in eine kleine Schachtel lege, die nur zur Sonne hin offen ist. Doch dann hat sich eine Wolke vor die Sonne geschoben – und das Experimentierfenster war vorbei. Auch das gehört zum Winter: Die Tage sind kurz, und das Licht ist kostbar.



Hier noch ein Beispiel, wie es im Sommer aussehen kann, wenn aufgelegte Formen und Schatten in sanften Blaustufen miteinander ein Bild erzeugen. Das mittlere Bild ist mein Versuch mit dem Titel: „Es ist Winter, ich belichte einfach richtig lang…“. Das dritte Bild zeigt, dass Schattenbilder auch im Winter funktionieren könne: Es ist im November entstanden, und ich habe mit Glück genau die richtige Belichtungszeit erwischt. Das ist übrigens der wunderschöne Samenstand der wilden Möhre, die eigentlich ihr eigenes Kapitel in diesem Blog verdient, weil sie das ganze Jahr hindurch so tolle Motive liefert.
Lichtblick
Ich mag diese Wintertage, an denen das Licht mich rauslockt. Mich lockt, beim Spazierengehen neue Formen zu entdecken und sie in meinem Garten auf Papier zu bannen. Wenn ich durch rauhreifüberzogene Landschaften laufe, und mich frage ob und wie ich dieses Kristalglitzern in eine Cyanotypie umsetzen kann, oder einfach die Lebendigkeit der ruhenden Natur bestaune.
Cyanotypie im Winter ist eine echte Bereicherung. Sie lehrt mich, mit dem zu arbeiten, was da ist, die versteckte Schönheit um mich herum zu endecken, und darauf zu vertrauen, dass die Zeit es schon richten wird.