Aufblühen

Im Frühling geht alles so schnell – zumindest für menschliche Verhältnisse. Kaum schaut man kurz nicht hin, ist aus einer verheißungsvollen Knospe eine prachtvolle Blüte erschienen. Diese Entfaltung hat mein fotografisches Interesse geweckt.

Klar, Aufblühen ist eine Bewegung – aber im normalen Fotografenalltag hat die überhaupt keine Bedeutung. Wenn überhaupt, müsste man sich um Windbewegung Gedanken machen, aber draußen und bei Sonne sind die Sekundenbruchteile sowieso kurz genug um nahezu alles einzufrieren.

Ich bin aber seit jeher ein Fan von Bewegungsunschärfe, und frage mich, wie lang eine Belichtung sein muss damit ich diesen langsamen Prozess auf einen Blick sehen kann. Ich will die Knospe, das Anschwellen und das Erblühen – alles gleichzeitig auf einem Bild. Die Bewegung des Frühlings.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die erste erhaltene Fotografie („Blick aus dem Fenster“ von Nicephore Niepce) wurde stundenlang belichtet – vielleicht sogar tagelang. Aber in den 200 Jahren die seither vergangen sind, haben findige Entwickler alles daran gesetzt, Fotografie immer schneller und lichtempfindlicher zu machen.

Wie bekomme ich also jetzt diese langen Belichtungszeiten zurück? (ich habe übrigens schon mit der historischen Heliografie experimentiert, aber bisher noch kein brauchbrares Ergebnis erzielt…)
Ich habe also für meine ersten Versuche erstmal alle Parameter auf möglichst langsame Belichtung von klassischen Fotomaterial gesetzt:

  • Umgebungslicht: Ich habe meinen Aufbau drinnen gemacht, mit einer LED-Flächenleuchte im abgedunkelten Raum – volle Kontrolle, minimale Lichtmenge.
  • Blende: Die vorhandenen Blenden meiner Kameras lassen alle viel zu viel Licht rein. Ich habe also eine Lochblende (Nadelloch in Alufolie) vor die Linse geklebt.
  • Fotomaterial: Das Papiernegativ hat gleich 2 Vorteile: Erstens kann ich es nach einer Belichtung direkt entwickeln, zweitens hat Fotopapier eine geringere Empfindlichkeit als Film. Man rechnet normalerweise mit ISO 6, aber ich hab lange abgelaufenes Papier verwendet, das wahrscheinlich eher bei ISO 3 liegt.

So sah der Aufbau aus: Boxkamera mit Lochblende, schwarzer Hintergrund, weiches Licht von der Seite. Und dann hoffen, dass keine Katze dagegenläuft…

Die artgerechte Haltung von Magnolienblüten

Die Magnolie in meinem Garten wirkt immer so, als würde sie über Nacht einen Schalter umlegen, um von winterkahl auf volle Blütenpracht zu springen. Deshalb habe ich mit Magnolienblüten experimentiert. Die brauchen allerdings drinnen und bei wenig Licht deutlich länger, um aufzublühen.

Magnolienblüte an 4 aufeinanderfolgenden Tagen

Die erste Belichtung habe ich nach einen Tag entwickelt. Nicht weil die Blüte schon so viel gemacht hätte, sondern weil ich wissen wollte, wo ich ungefähr mit der Zeit lande. Erfreulicherweise war nur ein Hauch von Blüte zu erkennen, also stand der tagelangen Belichtung nichts im Weg.

Die zweite Belichtung lief dann von Tag 2 bis Tag 4, und ich finde das Ergebnis magisch: Die Blüte ist gleichzeitig da und irgendwie auch woanders. Die verträumte Ästhetik von weichem Lochkamerabild mit dem noch weicheren Überlagerungseffekt des Aufblühens… ich bin begeistert.

Das frisch entwicklete Papiernegativ (seitenverkehrt) hängt beim Trocknen, und verspricht gut zu werden.
Das Positiv löst das Versprechen ein.

Und jetzt nochmal in Farbe

Jetzt hab ich also eine sehr grobe Größenordnung für meinen Aufbau. Damit könnte ich jetzt fast in Serie gehen, aber… ich will die Farben sehen! Also muss ein Film her. Der ist zwar viel empfindlicher als Fotopapier, hat aber die besondere Herausforderung, dass bei langen Belichtungszeiten die Empfindlichkeit deutlich abnimmt… der sogenannte Schwarzschild-Effekt.

Für Belichtungszeiten von mehreren Sekunden gibt es noch Tabellen mit Korrekturfaktoren, aber bei Stunden und Tagen ist wieder experimentieren angesagt. Bei Farbfilm kommt außerdem noch dazu, dass die Farbschichten unterschiedlich stark betroffen sind, und daher Farbstiche zu erwarten sind.

Na dann mal los!

Testfilm für die Tonne

Ich lege also einen meiner sauteuren, frischen Farbfilme ein und plane, die 8 Aufnahmen bestmöglich zu nutzen. Ich belichte verschiedene Blüten (um herauszufinden, was im Raum wie schnell aufblüht), und mit verschiedenen Zeiten. Als ich nach fast 2 Wochen fertig bin, und Tests von 4 Stunden bis 30 Stunden Belichtung angesammelt habe, bin ich sicher, dass ich einen Riesenschritt weiter bin. Bis ich den Film entwickle und… NICHTS drauf ist! Überhaupt nichts!

Nachdem ich den ersten Schock überwunden habe, suche ich nach Erklärungen und die genaue Inspektion der Kamera zeigt: Ich hatte beim Einlegen den Hebel von B (Dauerbelichtung) auf Momentaufnahme gestellt. Ich habe also fein säuberlich jeden Aufbau eine 1/50 sek belichtet (viel zu wenig Licht um irgendwas zu sehen) und dann sorgfältig notiert, wieviele Stunden sie dann noch mit geschlossenem Verschluss auf die Szene geblickt hat. 🤦‍♀️

So schön ist eine Tulpe aus meinem Garten beim ersten Testfilm aufgeblüht… Die Handydokumentation ist alles was bleibt.

Wenn schon Farbstich, dann richtig

Ich hab kurz überlegt, das Projekt einfach sein zu lassen. Ich war so frustriert. Aber irgendwie wollte ich es trotzdem wissen. Weil kein frischer Film mehr da war, und bei der langen Zeit sowieso Farbstich zu erwarten war, habe ich den guten alten Portra ausgepackt, der seit über 20 Jahren abgelaufen ist.

Alles nochmal von vorne, Belichtungen mit unterschiedlichen Längen und unterschiedlichen Blüten. Diesmal mit sicher geöffnetem Verschluss. Und tatsächlich, es hat sich gelohnt:
Die beste Zeit waren 11 Stunden, die beste Blüte habe ich noch nicht gefunden. Tulpen ändern sich spektakulär, sind aber nicht sehr ortsfest (d.h. der Stiel biegt sich im Lauf der Tage und bringt Unruhe rein).

Blüten an verholzten Ästen sind viel besser, aber ich war schon zu spät dran für die Zierquitten – die waren fast alle schon offen, daher sieht man bei dem fertigen Bild nur in der kleinsten Blüte eine „Aufblüh-Unschärfe). Ich finds trotzdem toll, vor allem weil ich jetzt weiß, wie ich nächstes Jahr dran gehe 😉

Ich kann mit dem Farbstich leben – eigentlich ist er ganz charmant. Zumal das hier noch eine sehr hemdsärmlige Digitalisierung mit Handy als Kamera und Bildschirm als Leuchtfläche ist – da geht noch was.

Nächstes Frühjahr kann kommen

Ich bin gewappnet für’s nächste Jahr. Sobald meine Zierquitte wieder loslegt, weiß ich genau, was zu tun ist. Und wenn du gute Tipps hast für Blüten, die im Haus und bei wenig Licht verlässlich aufblühen: Bitte immer her damit!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen