Schärfe – Unschärfe

Seit November 2025 gibt es im MakerLab Murnau einen monatlichen Fototreff. Die FotoMacherEi. Ich finde einen Austausch zwischen Fotografen immer super spannend und inspirierend, deswegen war ich natürlich von Anfang an dabei. Noch cooler: wir vereinbaren bei jedem Treffen ein Thema, zu dem wir beim nächsten Mal was mitbringen.

Ich leide ja manchmal unter der Fülle der Ideen, die in meinem Kopf so rumschwirren, da hilft es wirklich ein Thema zu haben, und einen klaren Zeitrahmen. Wenn ich weiß, dass in 4 Wochen eine Gruppe von Fotografen das anschauen will , bleibe ich auf jeden Fall dran, bis es was zu zeigen gibt.

(Dass es dann immer noch „work in progress“ ist, und die Arbeit inzwischen schon drei neue Projekte inspiriert hat, ist ein Problem, das ich wahrscheinlich nie lösen werden…)

Diesen Monat war unser Thema „Schärfe-Unschärfe“.

Ich habe mich relativ schnell an der Idee festgebissen, dass Schärfe und Unschärfe ja etwas ist, was wir vor allem in Fotografien sehen. In der echten Wahrnehmung ist (idealerweise) alles scharf, weil wir unsere Umgebung aus vielen Einzelbildern zusammensetzen und zur Not auch mal Details ergänzen. Aber die Unschärfe in der Fotografie ist einfach da, wenn sie da ist. Und wir haben gelernt, sie zu interpretieren.

Wenn zum Beispiel bei einer Stadtansicht nur ein schmaler Streifen scharf ist, „wissen“ wir, dass es eine Miniatur sein muss. Das hat nichts mit natürlicher Wahrnehmung zu tun, sondern mit unserer Betrachtungserfahrung.

Jetzt kann man so eine „Miniaturschärfe“ mit Fachkameras, bei denen man die Objektivbene und die Filmebene kippen kann, relativ einfach erzeugen. Auch Tilt- und Shift-Objektive können diesen Effekt zaubern. Hier ein Beipiel („Tilt-shift Paris“ von littleny / Getty Images via Canva.com):

"tilt-shift Paris" von littleny / getty Images via Canva.com

Das war also mein Ausgangspunkt. Und weil ich meine Fachkamera nach dem Studium leider verkauft habe, kein Tilt-Shift besitze und sowieso lieber selber baue, hab ich mich gefragt, wie ich den Effekt „nachbauen“ kann.

Die Scheimpflug-Kiste (Bilder einer großen Pappschachtel mit Objektiv, und einem Stativkopf im Inneren, der es ermöglicht, die Projektionsfläche zu kippen)

Die Scheimpflug’sche Regel besagt, dass sich Objektivebene, FIlmebene und Schärfenebene in einer gemeinsamen Linie schneiden. Wenn der Film parallel zum Objektiv ist (wie in fast allen Kameras), ist auch die Schärfeebene parallel, sie schneiden sich also theoretisch in der Unendlichkeit. Kippe ich jetzt die Filmebene gegenüber der Objektivebene, kippt auch die Schärfenebene. (Bessere Erklärung mit Skizzen, Optik und Physik in diesem wunderbaren Wikipedia-Artikel)

Kurz gesagt, ich wollte eine gekippte Projektionsfläche in einer Kamera haben. Dafür habe ich ein Stativ in eine Pappschachtel gebaut, so dass ich vor- und zurückkurbeln und den Stativkopf neigen und kippen kann. Als Objektiv kam eine einfache Linse (von einem Tageslichtprojektor) zum Einsatz. Projiziert habe ich erstmal einfach auf Papier, und das Bild dann abfotografiert.

Unscharfes Bild von Häusern, Parkplat, verschneite Wiese. Vorne und hinten deutlich unscharf, in der Mitte mäßig scharf

Ebenfalls wichtig für den Miniatureffekt ist der erhöhte Standpunkt. Diese Aufnahme ist aus dem 3. Stock.

Das Prinzip war ganz gut, aber sobald ich die Ebene stärker kippen wollte, bin ich nicht mehr weit genug nach hinten gekommen. Nachdem aber die Montage des Stativs ziemlich nervig war, wollte ich keine neue, größere Kiste bauen… Deswegen habe ich die Brennweite durch eine zweite Sammellinse verkürzt.

Ja… aber… Ich finds super spannend und es hat eine ganz eigene träumerische Atmosphäre. Aber es ist nicht dieser Miniatureffekt, den ich haben wollte. Weil eben kein schmales Band scharf ist, sondern eigentlich nichts so wirklich. Und zum Rand hin fällt die Schärfe schon wegen der improvisierten Linsen ab, ganz unabhängig von der Kippung.

Also plane ich meinen nächsten Versuch mit einem „ordentlichen“ Objektiv. Nach kurzer Bestandsaufnahme in meinem Kamerafundus, scheint sich die Agfa Box am besten für eine Anpassung zu eignen.

Altes Werbefoto für Agfa Box, und eine geöffente Agfa Box Kamera mit schrägem Kartonrahmen

Erstmal ausprobieren, ob das Prinzip funktioniert, und wie schräg es werden muss. Mit einem Papprahmen probiere ich verschiedene Winkel aus. Dann mache ich Papiernegative, um zu sehen, was dabei rauskommt.

6 Papiernegative von gartenansichten und ein ausgearbeitetes Foto. EIn Baum und ein Schuppen, in der Mitte scharf, nach oben und unten stark unscharf.

Klare Schärfe in der Mitte vom Bild, komplett von links nach rechts. Auch nach unten bleibt es ziemlich scharf, nach oben wird es deutlich unscharf. Das schaut doch schon mal vielversprechend aus!

Der nächste Schritt hat viele Versuche und Fehlschläge mit sich gebracht. Meine Agfa-Box ist in einem sehr guten Zustand, so dass ich sie auch jeden Fall nur zerstörungsfrei umbauen wollte. Also ist mehr oder weniger alles mit nur Magneten und Klebeband fixiert worden. Es war schnell klar, dass Rollfilm nicht funktionieren würde (der liegt stabil an der Filmhalterung auf), so dass ich mehrere Adapter für Kleinbildfilme gedruckt habe, bis ich einen hatte, der nicht zu viel und nicht zu wenig Spannung für den Film erzeugt hat.

EIne geöffnete Agfa-Box Kamera mit Kleinbildfilm, Adapterstücken und Mittelformatspule. Ein weiteres Bild mit eingelegtem Film, der durch Umlenkrollen schräg geführt wird. Text: Versuch 3: schräger Film

Als die adaptierte Box endlich einsatzbereit war, hab ich mich aufgemacht, passende Standorte zu finden. Die erste Fahrradtour des Jahres, und dann gleich auf jeden Hügel, den Peißenberg so bietet (wegen dem Blick von oben…). Fußgängerbrücke, Neue Berghalde, Tiefstollenhalle, Flanke des Hohenpeißenbergs. Ich hab viel versucht, um auf eine Stadtlandschaft runter zu schauen.

Eigentlich erstaunlich, oder? Wie viel daran herumgetüftelt wird, dass ein Film in der Kamera exakt plan liegt, aber sogar mit mehreren Zentimetern Abstand zur eigentlichen Filmebene wird noch ziemlich viel scharf. Fast zu viel, wenn ihr mich fragt…

Es liegt schon auch daran, dass die Optik der Agfa Box dafür geplant ist, dass man nicht scharfstellen muss (und kann). Standardmäßig ist zwischen 2 m und unendlich alles scharf abgebildet.
Also muss vielleicht doch eine improvisierte Lösung her. Gut, dass bei der Agfa Box die Optik im Filmhalter sitzt. Wenn man den rausnimmt, hat man einfach eine lichtdichte Kiste mit einem Verschluss (und Fensterglas vorne). Da geht einem doch das Herz auf vor lauter Möglichkeiten!

Gut, dass inzwischen einige Leute wissen, dass Linsen aller Art bei mir gut aufgehoben sind. So bekomme ich immer wieder spannende Sachen geschenkt. Eine kleine Sammellinse aus meinem Fundus passt genau in die Aussparung hinter der Blende und wird gleich eingeklebt. Mit einer improvisierten Mattscheibe überprüfe ich was sie kann… Ich muss die Mattscheibe etwas durchbiegen, um in die Schärfe zu kommen, aber es schaut garnicht schlecht aus.

Dann folgen: Tests im Garten und eine weitere Peißenberg-Tour. Diesmal mit der zusätzlichen Herausforderung, dass ich nach jedem Bild im Wechselsack das Papiernegativ entnehmen muss, und ein neues Fotopapier einlege… Der ovale Bildkreis ist schon der Knaller, und auch die Aufnahme des Peißenberger Industriecharmes find ich ziemlich cool. Aber es verzerrt halt auch ganz schön, und der Miniatureffekt ist immer noch nicht wirklich sichtbar.

Aber, was eigentlich viel spannender ist, ist das Querformat. Hier sieht man extrem, dass die Schärfe nur auf einem schmalen Streifen stimmt, und wenn der von vorne nach hinten durchs Bild läuft, ist das völlig abgefahren. Da lohnt es sich weiter zu machen! Aber die Verzeichnung ist mir zu viel, deswegen probiere ich es nochmal mit einer anderen Linse. Diesmal eine etwas längere Brennweite, so dass ich das Fotopapier nicht durchbiegen muss, um überhaupt an die Schärfenebene zu kommen.

So prüfe ich übrigens auf die Schnelle die Abbildungsleistung und Brennweite von vielversprechenden Linsen: Relativ dunkles Zimmer, relativ helles Fenster, und dann projiziere ich das Fenster an die Wand. So sehe ich gleich, wo die Schärfenebene ist, und wie die Abbildung an den Rändern ist. Die hier schaut ganz gut aus, auch wenn das Foto oben das nicht vermuten lässt.

Testlauf im Garten. Weil jetzt irgendwie die Miniaturidee nicht mehr so im Vordergrund steht, kann ich ganz frei mit Schärfe und Unschärfe spielen. Und ich kann nach jeder Aufnahme direkt in die Dunkelkammer gehen und das nächste Negativ einlegen, während das letzte gerade entwickelt.

Und tatsächlich, mein Favorit ist der Blick in meinen Garten, mit der Schärfe von vorne nach hinten. Ich hab versucht den Plattenweg zu genau wie möglich zu treffen, aber irgendwie ist die Schäfe neben dem Weg auch ganz poetisch. So jenseits der augetretenen Pfade…

Morgen ist unser Fototreff, deswegen erkläre ich dieses Projekt jetzt für „fertig genug“. Ich hätte schon noch Lust, weiter zu machen, aber wer weiß, was für Flausen mir unser Treff morgen in den Kopf setzt…

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