So steht sie da, in meinem Garten.
Eine neue Kamera. Oder besser: eine Lichtkiste.
Der Blick geht nach Norden. Nicht aus ästhetischen Gründen, sondern aus Vorsicht: Die Kiste soll mindestens zwei Tage stehen bleiben und darf keine direkte Sonne sehen. Denn Pappe oder Papier im Brennpunkt einer Linse ist grundlegend riskant. (Ich habe tatsächlich schon mehr als eine Kamera verkohlt…)
Gebaut wurde diese Lichtkiste im Rahmen meines Nachmittagskurses „Lichtmalerei“. Die Schülerinnen haben sie aus dem gebaut, was da war. Die Linse stammt aus einem alten Tageslichtprojektor – unser Hausmeister hat sie ausgebaut und gerettet, bevor das Gerät entsorgt wurde. Wir haben im Kurs verschiedenste Linsen und Lupen durchgetestet, und bei Testbelichtungen (direkt auf Cyanotypiepapier) sichergestellt, dass diese hier vollständig UV-durchlässig ist. Das ist wichtig, denn unsere Kamera ist eine Cyanobox – das heißt, wir belichten auf UV-empfindliches Papier.
Ich wurde auserkoren, die erste Testbelichtung zu machen, während meine Lichtmalerinnen zu Hause herausfinden, ob der Balkon Richtung Norden geht, oder wo man etwas tagelang wettergeschützt platzieren könnte. Mein Plan ist, dass wir die Kamera reihum mit nach Hause nehmen und jede die Chance bekommt, zu belichten (wenn es denn funktioniert…)



Hier also der erste Einsatz in meinem Garten: Bevor ich die Box zugeklebt habe, war das projizierte Bild gut zu sehen. Ein weiches, auf dem Kopf stehendes Abbild der Umgebung. Weil die Linse beweglich eingebaut ist, konnte ich es sogar direkt auf mein Motiv scharfstellen. Jetzt ist die Kiste verschlossen, und ich hoffe, dass die Ausrichtung noch stimmt – der Bildausschnitt hat mir schon gut gefallen.
Gegen Feuchtigkeit und Tau habe ich der Kamera noch einen Regenponcho übergezogen. Improvisierter Wetterschutz. Jetzt bleibt nur abzuwarten, ob die Katzen den Aufbau in Ruhe lassen. Erfahrungsgemäß sind neue Objekte im Garten immer eine Einladung, und Leia ist schon ziemlich elegant auf die Böcke gesprungen, um mir beim Einrichten zuzuschauen.
Diese Lichtkiste hat keinen Verschluss und keine einstellbare Zeit. Sie arbeitet mit dem, was da ist: Tageslicht, UV-Anteil, Wetter, Standzeit. Sie zwingt nichts. Sie wartet. Sie ist definitiv keine Schnappschusskamera. Eher ein Langzeitbeobachter.
Ich habe die Kamera gestern an einem sehr sonnigen Tag aufgebaut, und wollte ursprünglich zwei Tage lang belichten. Nachdem aber heute dichter Nebel den eh schon kurzen Dezembertag unglaublich trüb gemacht hat, werde ich sie noch bis morgen Abend stehen lassen. Spätestens übermorgen. Denn dann ist wieder Donnerstag, und ich will meinen Schülern ein Ergebnis mitbringen. Vielleicht wird es ein scharfes Bild, vielleicht eine schwache Spur … beides wäre in Ordnung.

Das coole an der Spiegelung in der Linse ist, dass man das Motiv nicht so sieht, wie es im „echten Leben“ aussieht, sondern spiegelverkehrt, so wie es auch aufs Papier projiziert wird. Das freut mich immer wieder 😉
Update: Das Ergebnis
Nach drei Tagen Belichtung mit einem bunten Mix aus Sonne, Wolken und Nebel hatte ich schon auf ein deutliches Bild gehofft. Und die latente Cyanotypie hat auch eindeutige Lichtspuren gezeigt, aber sehr unscharf. bei genauerer Betrachtung konnte ich auch schnell sehen warum: die Linse war im Inneren des Kartons beschlagen und eingefroren. Scharfe Abbildung war so natürlich nicht mehr möglich.


Das latente Bild und der Grund, warum es so unscharf ist. Das Haus und die groben Strukturen sind ganz gut zu erkennen, mehr aber nicht. Die Linse ist beschlagen und vereist, und das wahrschienlich schon seit der ersten Nacht.
Ich habe meinen Schülerinnen das latente Bild mitgebracht. Miene Erfahrung zeigt nämlich, dass beim Auswaschen sehr viel verloren geht. Nachdem wir gemeinsam besprochen haben, was schief gegangen ist, haben wir einen Plan für ein „Rettungsexperiment“ entwickelt: Vielleicht kann eine Nachbelichtung des kompletten Bildes die Reaktion über die Schwelle heben, und dabei die Spuren der Kamerabelichtung erhalten. Für maximalen Erkenntnisgewinn haben wir allerdings beschlossen, nur das halbe Blatt nachzubelichten.



Halb abgedeckt unter der UV-Lampe nachbelichtet – nach der Belichtung sieht die linke Seite vielversprechend aus – nach dem auswaschen ist links blau zugelaufen und rechts verschwindet das Motiv…
Das latente Bild allein war nicht stark genug. sogar die leichten Spuren, die nach dem Auswaschen noch sichtbar waren, haben sich beim Trocknen komplett aufgelöst. Dei nachbelichtete Seite hat stabiles Blau gebildet, aber das Motiv ist fast komplett verschwunden.
Das Problem scheint ein bisschen komplexer zu sein als nur zu wenig Licht. Ich vermute, dass die Feuchtigkeit und evtl. Säure im Karton in die Reaktion eingreifen. Das Aquarellpapier, das wir im Unterricht so gerne verwenden, und das unter der UV-Lampe tolle Ergebnisse liefert, ist vielleicht nicht optimal für Cyano-Fotografie, weil die Lösung zu tief im inneren sitzt.
Ausblick
Wir haben es auf jeden Fall noch nicht aufgegeben. Die Kiste ist über die Weihnachtsferien mit einer Schülerin nach Hause gekommen, die auf dem Balkon eine oder mehrere weitere Testbelichtungen macht. Vielleicht ist in Hausnähe die Feuchtigkeit weniger schlimm als über feuchtem Gras?
Und wir wollen mit anderen Materialien experimentieren: eins davon ist hoffentlich auch schon über die Ferien getestet worden: Ein Inket-Fotopapier, das ich mit Cyanotypielösung beschichtet habe. Das Material ist eigentlich relativ schwierig, weil es beim Beschichten fleckig wird. Aber ich habe das Gefühl, dass hier die Lösung in der oberflächennahen Schicht fest sitzt, was wirklich helfen könnte.
Und das Schuljahr ist ja noch lang, vielleicht ist die Cyano-Fotografie im Sommer auch viel leichter umzusetzen.