Kennst du jemanden, der vor Jahren mal seine Fotos selber entwickelt hat? Oder hattest du vielleicht sogar selber mal eine Dunkelkammer, und im Keller verstauben noch alte Schätze? Wenn da noch abgelaufenes Fotopapier dabei ist, hast du das große Los gezogen.
Was ist ein Lumenprint?
Klassischerweise ist es in der analogen Fotografie so, dass die Belichtung eine Minireaktion in der Silberschicht auslöst, die dann der Katalysator für die endgültige Bildentstehung in der Entwicklung ist. Das hat die Fotografie revolutioniert, weil so ganz kurze Belichtungszeiten ausgereicht haben, um ein latentes, entwickelbares Bild zu erzeugen.
Wenn man aber Zeit hat (und keine Lust auf Dunkelkammer, Chemie und Co), dann kann man auch einfach solange belichten, bis ganz ohne Entwicklung ein sichtbares Bild entsteht. Ein sogenannter Lumenprint.
Was braucht man für Lumenprints?
Du brauchst nur Fotopapier (Schwarz-weiß oder Farbpapier, gerne abgelaufen) und Licht. Am besten geht das bei strahlender Sonne, und je nach Papier kann man von 10 Minuten bis zu mehreren Stunden belichten. Auch bei schwachem und diffusem Licht passiert was im Papier, dann kann es allerdings auch Tage dauern bis ein deutliches Ergebnis erscheint.
Und natürlich einen „Schattenwerfer“, am liebsten einen botanischen. Besonders schön ist es, wenn man ganz frische Pflanzenteile nutzt, weil oft die Pflanzensäfte und die Feuchtigkeit auch noch mit der Fotochemie reagieren, und spannende Farbverschiebungen erzeugen können.
Beispiele aus meinem Atelier

Klettenlabkraut, Schafgarbe, Labkraut und Duftveilchen… schöne Strukturen und unterschiedliche Pflanzensäfte.
Diese vier Schönheiten habe ich ich Hochsommer gesammelt, und frisch unter einer Glasplatte belichtet. Da tritt schon auch mal Kondenswasser auf, und mischt sich in die Bildentstehung ein…

Fixieren oder nicht?
Obwohl das oben ein altes schwarz-weiß Papier (Agfa Brovira) ist, entstehen bei der Belichtung warme Schattierungen. Nach dem Fixieren hat sich das ganze übrigens noch ein bisschen in Richtung rosa verschoben. Ich habe diese Bilder vor allem deshalb fixiert, weil ich wissen wollte, was sich verändert.
Man kann Lumenprints aber auch komplett unfixiert lassen. Einfach kurz wässern, dunkel trocknen und dunkel aufbewahren (z.B. in einem Buch).

Bei so „saftigen“ Pflanzen wie Löwenzahn drücke ich das Glas auch gerne mal kräftig an, weil die chemische Reaktion mit dem Saft auf dem Fotopapier auch nochmal eine spannende Ebene dazubringt. Hier habe ich einen Löwenzahnstängel mitsamt Blüte mit dem Skalpell halbiert, so dass direkt Saft aufs Papier kam.
Das Papier bei diesem Versuch war abgelaufenes Agfacolor. Farbpapiere bringen oft spannendere Ergebnisse (sind aber auch schwerer zu finden, weil viele Hobbydunkelkammern nur schwarz-weiß gearbeitet haben).

Nach einer Stunde in der Mittagssonne wirkt der Löwenzahn irgendwie „gekocht“. Das Papier ist auch an der Glasscheibe verklebt, so dass ich erstmal alles zusammen in einen Eimer mit Wasser legen musste, bis es sich vorsichtig lösen ließ.

Links ist das pure Ergebnis, die rechte Hälfte habe ich kurz fixiert. Ich kann garnicht sagen, was mir besser gefällt, aber es ist schon beeindruckend, wie stark sich die Farben verschieben.
Lumenprints sind Lichtgeschichten
Lumenprints sind der einfachste Einstieg in alternative Fotografie – und einer der schönsten. Ein bisschen Sonne, ein Blatt Papier, und schon erzählt das Material seine eigene Geschichte. Frag doch mal rum, vielleicht hat ja noch jemand einen Schatz im Schrank, der dich zum experimentieren einlädt.